Das Schweizer Gesundheitswesen – ein digitaler Flickenteppich

Beitrag aus der Netzwoche: Obwohl das Schweizer Gesundheitswesen deutlich digitaler geworden ist, sind die Fortschritte zaghaft. Ein Hauptgrund dafür ist die heterogene IT-Landschaft, die auf das Fehlen von E-Health-Standards zurückzuführen ist.
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Mathias Dreher

Well markiert einen guten Start für ein vernetztes Schweizer Gesundheitswesen.

Mathias Dreher
Chief Marketing Officer, AppArranger

Ein Beitrag von Mathias Dreher, Chief Marketing Officer, AppArranger, aus der Netzwoche.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist in den letzten Jahrzehnten vorangeschritten. Branchenkenner prognostizieren weiteres Marktwachstum. Die Vorteile einer digitalen Gesundheitsbranche liegen auf der Hand: Digital Health verspricht eine bessere Patientenversorgung und zugleich effizientere Prozesse. Dieses Potenzial hat sich bis jetzt jedoch noch nicht entfaltet: Trotz des rapiden Wachstums des Marktes besteht hierzulande in Sachen Digital Health noch grosser Nachholbedarf. Denn das Schweizer Gesundheitswesen hinkt in Sachen Digitalisierung im internationalen Vergleich nach wie vor hinterher. Zu diesem Schluss kommt der «Digital Health Report 21/22» des Winterthurer Instituts für Gesundheitsökonomie (WIG) der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Ein wesentlicher Grund für das langsame Voranschreiten liegt in der Heterogenität bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Fehlende E-Health-Standards sowie ein Mangel an Koordination, Kooperation und einer durchgängigen Digitalisierungsstrategie macht das Gesundheitswesen zum digitalen Flickenteppich. Verantwortlich dafür sind sowohl Branchen­akteure als auch die Politik. Hinzu kommt die hohe Arbeitslast, unter der Dienstleister wie Spitäler und Praxen stehen – viele verfügen schlichtweg nicht über die Ressourcen, eine neue Lösung inklusive Schulung zu implementieren.

Sichtbar werden die Mängel auf politischer Ebene etwa am Beispiel des elektronischen Patientendossiers. Gemäss Bund sollte mit dem EPD «die Qualität der Behandlungsprozesse verbessert, die Patientensicherheit erhöht und dadurch die Effizienz des Gesundheitssystems gesteigert werden». Bislang stiess das EPD aber weder in der Branche noch bei der Bevölkerung auf grosse Akzeptanz – lange lag die Anzahl eröffneter Dossiers bei unter 10 000. Ein wesentliches Problem besteht in der mangelhaften Integration des EPDs in Klinik- und Praxisinformationssysteme (KIS/PIS). Trotzdem sind Altersheime seit dem 15. April verpflichtet, ans EPD angeschlossen zu sein – hohe Kosten und wenig Nutzen sind die Folge, oder wie der «Tages-Anzeiger» am 11. April 2022 titelte: «Heimleiter ärgern sich: ‹Alles in den Schredder. Sonst verlochen wir Geld ohne Ende›.» De facto verursachen elektronische Patientendossiers derzeit einen erheblichen Mehraufwand.

Isoliertheit der Anbieter

Die IT im Gesundheitswesen hat sich relativ isoliert entwickelt, was die Entstehung von Insellösungen begünstigte. Das erschwert den Marktzugang für neue Player, da die Bereitschaft etablierter Anbieter zur Kooperation gering ist. Dabei existieren zahlreiche moderne Lösungen, die bewusst offen gestaltet, weitgehend standardisiert sind und somit integrierbar wären. Einige Anbieter scheinen sich beinahe aktiv darum zu bemühen, Integrationen zu erschweren.

Einerseits wären da kleine Praxissoftwareentwickler, die vielleicht fünf oder sechs lokale Kunden in und um ein Dorf betreuen. Diese Anbieter sind nicht an Integrationen interessiert. Ihre Kunden sind nicht sehr IT-affin und sind einfach froh, dass die Software läuft und haben auch kein Interesse daran, auf eine andere Lösung umzusteigen. Auf der anderen Seite stehen grössere Anbieter von Klinik- und Praxisinformationssystemen, die aus Gründen der Kundenbindung Interesse daran haben, dass sich ihre Lösungen von der Masse abheben. Das erreichen sie etwa durch individuelle Features oder Exklusivverträge, etwa bei bestimmten Laborgeräten. Weitgehende Standardisierung würde gewissen Anbietern schaden, da die Kundschaft nicht mehr an proprietäre, exklusive Funktionen und Kompatibilitäten gebunden wäre. Am Schluss gewinnt in einem solchen Fall der Anbieter mit dem niedrigsten Preis.

Vernetzung mit Hindernissen

Damit ist nicht gesagt, dass Institute gegen die Digitalisierung des Gesundheitswesens sind – im Gegenteil. So lancierten verschiedene Krankenkassen in jüngerer Vergangenheit Onlineplattformen, die ihrer Kundschaft durch eine Vielzahl an Features den Umgang mit Versicherungsangelegenheiten vereinfachen sollen.

So finden Kundinnen und Kunden in den Apps der Krankenkassen etwa Gesundheitstipps, können Belege hochladen, Befunde einscannen, Symptomchecks durchführen und noch mehr. Doch auch hier findet sich derselbe Isolationismus wie bei KIS/PIS-Anbietern – jede Krankenkasse setzt auf eine eigene Plattform mit eigenen Features. Wechselt ein Kunde oder eine Kundin die Krankenkasse oder eine Zusatzversicherung, muss er oder sie unter Umständen eine zweite, dritte oder sogar eine vierte App herunterladen, um alle Services nutzen zu können.

Die gute Nachricht: Gesundheitsdienstleister erkennen dieses Problem. Und sie unternehmen erste Schritte dagegen. Nicht zuletzt, da sie durch digitale Prozesse die Effizienz steigern und so Gesundheitskosten senken können. Um dies zu erreichen, brauchen Institutionen aber eine gemeinsame Basis, auf der sie aufbauen können. Die Gesundheitsplattform «Well» ist ein Resultat dieser Bemühungen.

Well ist ein Joint Venture der CSS, Visana, Medi24 und der Versandapotheke Zur Rose. Das Ziel: Die Plattform soll Prozesse effizienter gestalten und Nutzern den Zugang zu digitalen Gesundheitsdienstleistungen erleichtern. Nutzerinnen und Nutzer sollen über die Plattform Symptome checken können, Arzttermine vereinbaren, Medikamente bestellen und mehr. Zudem ist die Plattform offen für weitere Health-Tech-Start-ups, Krankenversicherer und andere Leistungserbringer – alle an einen Tisch. Well markiert einen guten Start für ein vernetztes Schweizer Gesundheitswesen.

Doch gleichzeitig arbeiten Medbase, Hirslanden, Groupe Mutuel, Helsana und Swica unter dem Joint Venture «Bluespace Ventures» an einer ähnlichen Plattform. Sie heisst Compassana, wurde Anfang 2022 angekündigt und soll das Kernstück eines «digitalen Gesundheitsökosystems» werden. Auch Compassana soll künftig allen Akteuren aus dem Gesundheitswesen offenstehen. Zum Zeitpunkt der Ankündigung befand sich Well bereits seit einiger Zeit in Entwicklung, der nationale Rollout erfolgte Anfang Mai 2022.

Gemeinsam für alle

Die Frage nach dem Sinn dieser parallelen Bemühungen drängt sich auf: Der Wille und das Bedürfnis zur Vernetzung scheinen da zu sein, aber irgendwie doch nicht. In der Folge entstehen erneut verschiedene separate Plattformen, die eigene Standardisierungen etablieren und mit eigenen Innovationen punkten möchten. Diese gegenseitige Konkurrenz ist nicht zielführend. Die verschiedenen Akteure sollten vielmehr über ihren eigenen Schatten springen und zusammenspannen. Nur so können sie das Schweizer Gesundheitswesen nachhaltig standardisieren und digitalisieren.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens bietet viele Chancen für die Gesellschaft – birgt jedoch auch Risiken. Mit diesen Chancen und Risiken gilt es, sich gründlich zu befassen. Am Ende braucht es einen grossen runden Tisch, an dem politische Akteure, Softwareentwickler, Healthtech-Start-ups, grosse und kleine Behandler, Krankenkassen etc., zusammensitzen können, um den gemeinsamen Nenner zu finden, E-Health-Standards zu definieren und eine nachhaltige Digitalisierungsstrategie zu entwerfen. Wichtig ist, dass diese Vorgaben auch zu Ende gedacht werden und auf die effektiven Bedürfnisse des Gesundheitswesens und der Bevölkerung eingegangen wird – anders als beim EPD. Dazu gehören neben dem Setzen von Standards auch Accessibility-Themen wie Barrierefreiheit und Mehrsprachigkeit der Plattformen, damit Minderheiten nicht aufgrund wirtschaftlicher Interessen vom Fortschritt ausgeschlossen bleiben.

Ein Beitrag von Well-Redaktion

Vom 16.05.2022

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